
Anleitungen zum Schwelgen
Immer schneller, immer brutaler, immer kälter und letztlich ja
auch immer unechter scheint die Welt da draußen geworden zu sein
– ein Ende dieser Talfahrt ist leider auch nicht in Sicht.
Höchste Zeit also für eine wohltuende Portion Träumerei
und verspielte Romantik! Zu diesem Zwecke gründete sich 2001 in
Finnland eine höchst ambitionierte Mädchenband: Die
Violinistin Jonsu machte sich damals mit ihrer Klassenkameradin und
Kontrabassistin Heini emsig daran, außerhalb des gemeinsam
bespielten Jugendstreichorchesters auch eigene Songs auf die Beine zu
stellen. Alsbald als effizientes Quintett am Werken, entstand auch
schon relativ schnell der individuelle Stil von Indica: Mystic Romantik
Pop. Diverse Alben erblickten somit das diffuse Düsterlicht der
ansonsten hell glitzernden Musikwelt, Kooperationen mit Nightwish
kickten den Fünfer schließlich vollauf ins Rampenlicht.
Fundamentiert werden auch die schwungvollen Kompositionen des neuen
Albums „A Way Away“ von ansteckend rockigen Anleihen, und
ebenso hierbei legen die hörbar sehnsüchtigen Girls
riesengroßen Wert auf eingängige Melodiken und sehr
emotionale Höhenflüge.
Wie Jonsu, die neben ihrem Violinspiel auch als berührende
Sängerin und versierte Gitarristin bei Indica eine sehr gute Figur
macht, konstatiert, hat sie für Vampire und deren Blutdurst und
Unsterblichkeit zwar was übrig – sie selbst möchte
jedoch keiner sein und schon gar nicht ewig leben: „Heutzutage
wollen die allermeisten Menschen ja schon nicht mal mehr altern –
und `hübschen` sich mit allerlei plastischer Chirurgie auf. Gar
nicht zu sprechen von der Angst vor dem einstigen Dahinscheiden. Ich
persönlich führe da viel lieber ein `gewöhnliches`
Dasein – ich lebe mein Leben im hier und jetzt und mache
jederzeit das Beste daraus beziehungsweise versuche es nach allen mir
zur Verfügung stehenden Kräften. Wenn es vorbei ist, ist es
vorbei. Und das kann bekanntlich ja auch sehr schnell gehen –
daher lebe ich jede Sekunde mit vollem Bewusstsein! Für einen
Vampir existiert diese Version nicht – er muss immer weiter nach
neuem Blut suchen, nach neuen Opfern. Keine schöne Vorstellung
für mich persönlich, auf diese Art und Weise sein ewiges
Leben zu verbringen.“
Über die derzeit anhaltend populäre
„Twilight“-Serie kann sie mir laut eigener Aussage somit
auch gar nichts Spezielles erzählen, da sie sich selbst nicht so
sehr dafür interessiert. Der Autor teilt dieses Desinteresse an
solcherlei Retortenspektakeln vollauf. Wir erfahren jedoch zum diesem
Kontext von der Verkleidungsfreudigen: „Ich bevorzuge im Falle
des Falles ganz eindeutig die älteren Vampir-Verfilmungen wie
beispielsweise aus den 70ern und 80ern – das reizt mich einfach
viel mehr, weil es nicht so trendy und überkandidelt ist.
Irgendwie wirkte und wirkt das alles auf mich vom Künstlerischen
her viel anspruchsvoller und vor allem zeitloser.“
Ihre Songtexte für Indica basieren demzufolge auch rein auf dem
täglichen Leben mitsamt all seinen Erscheinungen, so die
Sängerin. „Für mich als bewusst lebender Mensch ein
unerschöpflicher Quell der Inspirationen – jeder Tag ist
schließlich anders, jeder Tag bringt schließlich neue
Eindrücke, Stimmungen und Empfindungen mit sich. Ich beobachte
mich und meine Mitmenschen sehr genau, daher bleibt mir das Allermeiste
darin nicht verborgen. Allein das Menschliche ist dermaßen
vielfältig, dass die Eingebungen für neue Lyriken bis ans
Ende meiner Tage fortbestehen werden.“
Hört man die neuen Songs von „A Way Away“, kann man
sich eines gewissen Klassik-Einflusses nicht erwehren – und genau
so ist laut Jonsu auch: „Ja, ich bin ein großer Verehrer
von alten Meistern aus diesem Bereich! Die Welt der Klassik fasziniert
mich nicht zuletzt dadurch so sehr, dass es bis heute nicht gelungen
ist, Vergleichbares in der Neuzeit zu kreieren – und die noch
immer vorhandene Popularität von Mozart & Co. Spricht ohnehin
für sich.“
Und was Bücher anbelangt, da hat die im Gespräch ebenso
höfliche wie gut gelaunte und auch merklich auskunftsfreudige
Finnin einen ganz klaren Favoriten, wie sie mir ohne auch nur
ansatzweise zu zögern anvertraut: „Das war, ist und wird
für mich wohl auch immer `Der kleine Prinz` von Antoine de
Saint-Exupéry bleiben.“
Die dementsprechend anschließende Fragestellung, ob sie selbst
letztlich ein primär verträumter Charakter ist, lässt
die (momentan) Rothaarige aber dann doch noch ein wenig ins Schwitzen
kommen: „Puh, darüber habe ich noch gar nicht
ausführlicher nachgedacht ... auf jeden Fall liebe ich es,
träumerischer Musik mein Ohr und träumerischen Büchern
mein Auge zu leihen. Ich selbst bin dennoch, um es auf den Punkt zu
bringen, wie gesagt ein voll und ganz im Leben stehender Mensch –
so träume ich zwar sehr gerne auch am Tage, werde meinen
erwähnten ausgeprägten Realitätsbezug jedoch hoffentlich
niemals auch nur ansatzweise einbüßen müssen.“
©
Markus Eck
(24.06.2010)