
Noch immer direkt aus dem Kern heraus
Seit 1997 können sich
leidenschaftliche Jünger anspruchsvollen Gothic
Metal-Liedmaterials von diesem Bandnamen Feinstes erhoffen – und
während andere zeitgleich mit den Stavangern gestartete
Metiergruppen längst nicht mehr aktiv sind, pulsieren die
kreativen Facetten dieser Band noch immer sehr lebendig. Längst
wichen Opulenzen, Bombastspektakel und Theatraliken vergangener Tage
einer mittlerweile eher moderaten, einer eher gesetzten musikalischen
Variante, nicht zuletzt bedingt durch personelle Veränderungen in
der Besetzung – doch Tristania konnten beziehungsweise wollten
nicht aufgeben. Niemals. 2007 hinterließen sie ihren Fans mit dem
Album „Illumination“ eine bekanntlich gelungene Scheibe,
und die skandinavische Band ließ sich nachfolgend viel Zeit, um
das neue und sechste Langwerk „Rubicon“ in aller Ruhe
kreieren zu können. Im Zuge dessen rekrutierten Tristania auch die
neue Sängerin Mariangela Demurtas, die von Sardinien aus zu der
global etablierten Gothic Metal-Band stieß –
sorgfältig ausgewählt aus hunderten von Bewerberinnen,
ersetzt sie nun auf „Rubicon“ die ausgeschiedene Vibeke
Stene, welche sich mittlerweile voll und ganz auf ihren eigentlichen
Beruf als Lehrerin konzentriert. Also mal wieder Neues bei den
Norwegern: Dass man im Hause Tristania nämlich alles andere als
eine stimmliche Vibeke-Blaupause haben beziehungsweise hören
wollte, das ist dem facettenreichen Organ der ebenso
heißblütigen wie angenehm ansehnlichen Italienerin auch voll
und ganz anhören. Wie uns Tieftoner Ole Vistnes aus aktuellem
Anlass gut gelaunt zu berichten weiß, blieb trotz so einiger
Veränderungen der eigentliche Kern des Tristania-Sounds
unangetastet.

„Eines der
allerwichtigsten Elemente bei Tristania blieb über all die Jahre
bis heute stark präsent: Nämlich die Atmosphäre und die
Stimmung in unseren Songs. So können die Hörer, die unsere
Lieder von Anfang an verfolgt haben, auch auf `Rubicon` so einige
große epische symphonische Elemente hören, wie man sie von
unseren ersten Veröffentlichungen her kennt. Ebenso legten wir
großen Wert darauf, dieses Album sehr varianten- und detailreich
zu halten, was eigentlich schon typisch für uns ist“,
weiß der Viersaitenmann zu erzählen.
Und er fährt
ergänzend fort: „Seit dem letzten Album überraschten
uns einige Neuerungen bei Tristania, so manches blieb aber gleichzeitig
beim Alten – beispielsweise unser Weg, neue musikalische
Territorien zu entdecken und im Zuge dessen die Grenzen unserer Kunst
auszudehnen.“
So kann die neue Scheibe laut
Ole oft gehört werden, um mit jedem Durchlauf immer wieder neue
Feinheiten zu entdecken – und das gilt seiner Aussage nach
beispielsweise auch für den gesanglichen Bereich:
„Mariangela und Gast- beziehungsweise Live-Sänger Kjetil
Nordhus sorgen für ereignisreiche Vokalerlebnisse. Und auch wenn
man es nicht auf den ersten Hörer vermuten mag, aber Anders und
Einar sind noch immer die Hauptkomponisten in der Band – wir alle
hatten eben Lust auf neuere und moderatere Ausdrucksformen“, so
der Viersaitenspezialist.
Anschließend
resümiert er mit ernsten Gesichtszügen zum Songwriting von
„Rubicon“. „Ich, Gitarrist Anders Høyvik Hidle
und unser Keyboarder Einar Moen schrieben die allermeisten der neuen
Stücke überwiegend in Gemeinschaftsarbeit – doch
vereinzelt arbeitete auch jeder von uns separat an seinen Parts, welche
dann immer wieder auf einem jeweilig höheren Level
präsentiert wurden. Das hat sehr gut funktioniert, worüber
ich noch immer außerordentlich froh bin. Für gewöhnlich
beginnt eine Komposition bei uns mit einer guten Grundidee eines
brauchbaren Trommelrhythmus oder einem tollen Gitarren-Riff. Ich
beginne zumeist mit der Arbeit an einem Lied, und offenbare dann das
Erarbeitete erstmal Anders – den Rest feilen wir dann zusammen
aus. Nicht selten verändern sich die Songs zwar im Laufe des
Entstehungsprozesses beinahe gänzlich, aber das Feeling und die
Atmosphären bleiben seltsamerweise stets gänzlich
intakt.“
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Interessant in diesem Zusammenhang: „Einige der Stücke von `Rubicon` stammen sogar noch aus der Zeit vor dem letzten Album, beispielsweise die Nummern `Exile` und `Illumination`. Bei Tristania ist is immer eine Frage von harter Arbeit, bis jeder Song sein volles Potenzial erreicht hat – und `Exile` beispielsweise funktionierte einfach nicht zu unserer vollsten Zufriedenheit, bis sich schließlich Mariangela mit ihrer Stimme darin einbrachte.“ |
So
ist das perfekte Album für den Norweger denn auch das, welches
unmittelbar die Aufmerksamkeit des geneigten Hörers erhält,
welches aber auch mit jedem Abspielen zu wachsen imstande ist. Er
lässt verlauten: „Nachdem man es einige Male gehört
hat, liebt man es also noch immer, während man so einige neue
Facetten darin entdeckt hat. Wir bemühten uns daher, eine neue
Tristania-Platte zu machen, welche vor allem auch den musikalischen
Horizont der Hörer erweitert.“
Wir kamen auf den eingangs
erwähnten stilistischen Wandel zu sprechen, welcher mit jedem Jahr
des Bandbestehens markanter zu vernehmen ist. Ole konstatiert hierzu:
„Nun, es ist schon Fakt, dass wir unseren Sound von Album zu
Album immer drastischer verändert haben innerhalb der letzten zehn
Jahre – aber, um ganz ehrlich zu sein, für unsere Hörer
wäre es wohl eine größere Überraschung gewesen,
wenn wir das nicht so getan hätten. Ich bin der Ansicht, die
größte hörbare Veränderung in Sachen Klangbild auf
dem neuen Album stellen die betont eingängig gestalteten
Uptempo-Lieder dar. Und obwohl jeden Song auf `Rubicon` ja eine ganz
gewisse düstere Atmosphäre umgibt, ist die
Gefühlsbandbreite auf der neuen Scheibe breiter als zuvor
ausgefallen. Ich würde unsere neue Veröffentlichung daher auf
vielerlei Art und Weise als die nächste logische Weiterentwicklung
nach den Alben `Ashes` und `Illumination` beschreiben.“
Wie der Norweger weiter
ausführt, sind neue kreative Ideen für ihn sowieso wie alle
anderen Gedanken auch: Sie kommen und gehen mit einer Leichtigkeit, die
einen manchmal sprachlos macht. Ole gibt zu Protokoll: „So
konzentriere ich mich hauptsächlich darauf, Ideen, wenn sie
erstmal in meinem Kopf sind, zu konservieren – sei es, indem ich
sie niederschreibe oder gleich auf diversen Gerätschaften aufnehme
(wie beispielsweise sogar auf meinem Handy). Wie auch immer, meine
persönlich bevorzugten schöpferischen Impulse sind ganz
einfach gesagt schlicht diejenigen, die in meinem Bewusstsein
hängen bleiben. Viele der Tristania-Songs, mit denen ich am
meisten zufrieden bin, starteten mit einer ganz bestimmten Idee, die
mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Wenn es bei mir auf
diese Weise `Klick` macht, fühlt es sich für mich beinahe
schon immer so an, als wäre der gesamte Song in dem Moment schon
fertig – so also, als müsste ich ihn nur noch
niederschreiben und anschließend im Studio aufnehmen.“

Viele der Texte der neuen
silbernen Albumscheibe drehen sich darum, so der tiefgründige
Bassist abschließend, ganz bestimmte Punkte im Leben zu
überwinden, vor denen man als Mensch Bedenken oder gar Ängste
hat. „Daher der Albumtitel mit dem überaus
geschichtsträchtigen Begriff `Rubicon`. Seinen eigenen `Rubikon`
zu überqueren, das bedeutet oftmals, eine Rückkehr zum
Vorherigen auszuschließen – also immer wieder aufs Neue
eine einschneidende, spannende und nachhaltige Erfahrung, die gemacht
werden will. Ich denke, die Musik auf `Rubicon` schließt genau
all das mit ein – und sogar noch mehr.“
© Markus Eck
(06.07.2010)