CIRITH UNGOL

„Paradise Lost“

(Restless) 10/10 

Eine enorm innovative und gleichfalls abartig eigenständige, ja einzigartige und wohl auch einmalige Formation waren CIRITH UNGOL aus Good Old America. Der geheimnisvolle und nie zuvor gehörte Bandname, der sofortiges Interesse nach sich zog, wurde wie das übrige Konzept der talentierten Mystiker aus Passion aus J.R.R. Tolkiens Monumentalepos „Der Herr der Ringe“ adaptiert. Der Beginn der Bandhistorie reicht in das Jahr 1979 (ungefähre Angabe) zurück, in eine Zeit, in der das damalig vorherrschende Disco-Fieber also eine gehörige Portion Leidenschaft erforderte, um unsere Lieblingsmusik zu spielen, zumal damit nicht ein Dollar zu verdienen war. Davon sichtlich ziemlich unbeeindruckt, gingen Tim Baker (vox), Jerry Fogle (git.), Greg Lindstrom (git.), Michael Flint (bs.) und Drummer Robert Garven also mit schier unstillbarer Begierde und Enthusiasmus ans harte Werk.

 

Die erste LP mit dem Titel „Frost and Fire“ erschien 1981 (Kinder, ist das lange her!) auf dem amerikanischen Indie-Label Liquid Flame Records und stellt heute in der originalen Version ein teures Sammlerstück dar. Der Stil der exzentrischen Truppe, den sie bis zu ihrem unrühmlichen und stillen Ende tapfer und unbeirrbar beibehielt, kann als eine Kreuzung aus härteren Black Sabbath und Eloy definiert werden. Zusätzlichen Reiz erfuhr der Sound der sagenhaften Fantasy Metaller durch die eingangs erwähnten Tolkien-Thematiken. Eine sehr gute und beeindruckend einnehmende Mischung für reinrassigen Heavy Metal in seiner zeitlos reizvollen Urform. Ein wunderbares Coverartwork, das sich auch noch 20 Jahre später wie ein Pfeil in die Augen bohrt, forcierte die faszinierende Wirkung dieses zeitlosen Klassikers. Es stammt wie die noch folgenden der anderen drei Alben von dem als Genie in die Annalen eingegangenen Künstler Michael Whelan, der eine nicht besser umzusetzende Arbeit für CIRITH UNGOLS Erstling spendierte. Unvergleichlich und sprachlos machend. Für Interessierte: Whelan zeichnete übrigens auch noch für die Landsmänner DEMOLITION HAMMER und die Power-Proggies SACRED RITE aus Florida. Ein nicht von der Hand zu weisendes Trademark und zeitgleiches Faszinosum war von Anfang an die bizarre und prägende Lead-Stimme von Frontmann Tim Baker, die die Geister schied und die Fronten polarisierte. Welch´ ein herausragender Riesenpluspunkt für diese genialen Idealisten! Baker klingt wie eine rostige Gießkanne, die einen ausgetrockneten (tiefen) Brunnenschacht hinunterfällt und immer wieder an den Wänden abprallt... Und doch paßt diese urige und begeisternde Röhre wie keine andere zum Stil von CIRITH UNGOL. Auch einige Jahre später kann man die Musik von einem der Urväter des Metal in Reinkultur mit unvermindertem Hörgenuß konsumieren. Und auch darin liegt der ungemeine Reiz der während ihrer gesamten Karriere unbeirrbaren Visionäre und ihrer wunderbaren Musik.

 

1984 erschien „King Of The Dead“. Die wiederum mit superbem Artwork ausgelieferte Platte wurde zwar von Roadrunner Records lizensiert, aber durch den ungewöhnlichen Gesangsstil Bakers und die grassierende Disco-Mania wurde eine breitenwirksame Akzeptanz und weitreichender Erfolg unglücklicherweise sabotiert. Eine Cover-Version von Bachs „Toccata in D-Moll“ kontrastierte angenehm das übrige Material. „One Foot In Hell“, das dritte Album der beständigen Metaller aus dem Jahre 1986, war wiederum nur ein kleiner Schritt auf der turmhohen Leiter zum großen Erfolg für die Amis. Beschämend finde ich die traurige und typische Tatsache, daß die heimische Metalpresse sowie die übrigen Medienvertreter eine kaltschnäuzige Ignoranz und selbstherrliches Desinteresse für CIRITH UNGOL an den Tag legten und der Truppe damit nicht gerade zum übergreifenden Erfolg verhalfen. Naja, so wurden die Burschen wenigstens zum Insider-Tip für alle Ewigkeit. Das stolze Hören und stilvolle Genießen der Alben von CIRITH UNGOL sichert dem Hörer eine gewisse Exklusivität, was das Beste ist, was man aus dem leidigen und traurigen Werdegang der Band machen kann und das sicher auch nicht schlecht ist...

 

„Paradise Lost“, der vierte und leider auch letzte Opus der für beinharte Anhänger zu Giganten gewordenen Veteranen erschien dann 1991 kaum nennenswert beachtet auf Restless Records / USA und war hierzulande leider lediglich auf dem teuren Importwege erhältlich. Aber dieser Knaller hatte es wirklich in sich... Ich kann reinsten Gewissens und ohne mit der Wimper zu zucken behaupten, das hier einer der ALLERBESTEN Heavy Metal Releases ALLER ZEITEN vorlag!! Power, Leidenschaft für harte und anspruchsvolle Klänge sowie die beste vorstellbare Melodik in Verbindung mit den qualitativsten Songs, die die Band je schrieb. Kein Zweifel, CIRITH UNGOL hatten das Insider-Dasein satt, wollten es letztmalig wissen und gaben noch mal alles. Diese orgiastische und vor Spielfreude spritzende Scheibe reinsten Edelstahls MUSS man einfach besitzen!

 

Doch auch dieses Meisterwerk (und nichts weniger) ging in den die Medien damalig dominierenden Veröffentlichungen dieser Zeit unter wie eine Träne im indischen Ozean. (Also kaum bemerkt). Ein Jammer. Die Band war restlos desillusioniert und gab schließlich auf... Sie hatten alles probiert und lange Jahre verbissen und beständig an ihrer Überzeugung und ihren Idealen festgehalten. Doch wie so oft fehlte eine wirklich breitenwirksame Promotion ihrer Alben, die heute allesamt zu Klassikern geworden sind. Nach langer Zeit sind nun die ersten drei Werke der Götter auf Silberlingen erstmals offiziell erhältlich. In meinem Herzen werden sie bis zum Ende meiner Tage einen Ehrenplatz behalten. Mit einer Träne im Knopfloch gedenke ich ihnen dann und wann mit dem Abspielen ihrer Meisterwerke.

 

© Markus Eck

(19.03.2000)