ANTICHRISIS
„Cantara Anachoreta“
(Tunguska) --/10
Als dieses in vielen Belangen ungewöhnliche Werk 1997 erstmalig bei einem dem Underground huldigenden Frankfurter Tonträgerverlag namens Ars Metalli erschien, war solcherlei Kunst noch etwas absolut Nonkonformes. Ja, der vollmelodisch verspielte Folk Metal dieser ambitionierten Band samt seinen erhebend theatralischen Auswüchsen war etwas richtig Besonderes – bis dato hatte man so etwas in dieser Art noch nicht vernommen. Der hochinteressante Mix aus groben bis mittelgroben und zuweilen klaren männlichen und bezaubernd anmutigen weiblichen Gesängen ergänzt den keltisch angehauchten und kunstvoll geschmiedeten Dunkelstahl von Antichrisis nach Maß – daher sollte diese überfällige Wiederveröffentlichung einem erlesenen Zirkel von entsprechenden Adressaten eigentlich höchst willkommen sein. Denn es geht betont kunstsinnig zu hier – und der überwiegende Großteil des hörbar heidnisch beseelten Liedmaterials ist gar dermaßen zeitloser Natur, dass es nicht nur für ernsthafte Charaktermenschen großen Hörgenuss mit sich bringt. Sehr eigenständig umgesetzte Querverweise in Richtung Pagan-, Doom- und Gothic Metal samt dezentmodernem rhythmischem Beiwerk verdeutlichen das jederzeit vernünftig und zweckbezogen geartete Bestreben der Beteiligten, aus ihrem Gebräu individuelle beziehungsweise betont eigenständige Essenzen verströmen zu lassen.

Prägnante Spezialität von Antichrisis: Immer wieder setzen hitverdächtige melodische Passagen, erfüllt von berauschend eingängigen Mitpfeif-Parts sehr edle Klangtupfer ins erdige Geschehen – mit besinnlich akzentuiertem Rezitativ wird zudem für erquickliche Stimmungen gesorgt, die man eher selten erleben darf. Als Originalpressung mittlerweile ziemlich schwer zu erhalten, erblickt diese wertvolle Ausnahmeveröffentlichung nun also erneut das Licht der Welt – als grafisch beachtlich nobel aufgemachtes Doppel-Digipak, in dem gleich zwei CDs stecken. Als Bonuslied fungiert der Song „Beautiful Wolves“ – ein ebenso hörenswertes Stück in einer Überlänge von elf Minuten, welches zu damaliger Zeit wohl nicht mehr auf die Originalscheibe passte. Auch erfreulich: Der Sound des Albums wurde von keinem Geringeren als Altmeister Harris Johns amtlich aufpoliert. Sehr angenehm fällt aber auch die Neuversion des Frontcover-Artworks ins Auge, grafisch exzellent umgesetzt und hervorragend zur Grundstimmung der Musik an sich passend. Selbst für das inliegende Begleitbüchlein wurde viel illustratorische Mühe aufgewendet. Verantwortlich zeichnet für dies alles das neu gegründete Berliner Kleinlabel Tunguska Music, welches nun von derselben Person betrieben wird, die damals schon mit besagter Firma Ars Metalli die erste Pressung von „Cantara Anachoreta“ herausbrachte. Wahre Liebe zur Musik ist eben nicht zeitlich begrenzt, kennt sozusagen keinerlei Verfallsdatum – und eine auserwählte Schar von Herzblutmenschen kennt das zum Glück auch nicht anders.


© Markus Eck

(15.06.2010)