STURMPERCHT
„Schattenlieder“
(Percht) 9/10
Der Untertitel dieser neuen Veröffentlichung lautet „Eine kleine Nachtmusik
für Berggeister und Waldteufel“ – was ja allein schon Bände spricht.
Und die sechs beteiligten Perchtenjünger frönen auf dem vorliegenden
köstlichen Tonträger einmal mehr ihrer urtiefen Großpassion
für zeitloses alpines Brauchtum und damit verbundenes Musikschaffen. Ebenso
beherzt wie verzückt und inbrünstig bespielt und besungen wird hier
auch abermalig eine innigliche Bergnaturliebe, und das sogar mit exorbitanter
Hingabe an alte waidmännische Überlieferungen. Und in ihrer ganz eigenen,
kauzig-musikalischen Künstlerdisziplin „Alpine Folk“ sind Sturmpercht noch
immer zugleich mutige Vorreiter, stolze Bewahrer und ideell unbeirrbare Meister.
Während sich also nicht nur mehr allein in den urbanen Großstadtmolochen,
sondern mittlerweile auch auf beängstigend vielen Durchschnittsdörfern
üble Unsäglichkeiten wie Denaturierung, Entmenschlichung, Massenverblödung,
Entwurzelung und gefährliche moralische Verlotterung breit machen, zeigt
dieser trink- und spielfreudige Männerhaufen hier auf, dass es trotz aller
unleugbaren Missstände noch nicht zu spät ist in Sachen Individualismus
und Lebenslust. Während im Zuge dessen also immer noch mehr massenmediensüchtige,
trendhungrige, modeabhängige und letztlich auch oftmals überängstliche
Kreaturen in die weiten Arme von überkandidelten und oftmals selbst nicht
ganz zurechnungsfähigen Seelenklempnern getrieben werden, zelebrieren diese
willkommenen österreichischen Vollblutseelen viel lieber ihre faszinierend
eigentümliche Notenkunst. Drei Jahre nach ihrem herrlichen Debütalbum
„Geister im Waldgebirg” ertönen die „Schattenlieder“ so eindringlich und
fesselnd, als gäbe es nichts Bedeutungsvolleres auf diesem Planeten.
Lyrisch ergänzend erfüllt von heidnischen Riten und ähnlich geartetem Mystizismus, macht sich schon recht rasch wieder die typische Sturmpercht-Stimmung breit – und die Beteiligten gehen diesmal auf nicht selten beschwörende Art mit noch mehr Variantenreichtum und Arrangierfreude im Gesangsbereich vor. Oftmals werden die Stimmen wie vollwertig tragendes Instrumentarium eingesetzt, was wunderbar anzuhören ist. Zünftig aufgespielt wird, je nach Stimmungslage eines Liedes, entweder melancholisch klagend, heiter beschwingt oder auch diffus psychedelisch beziehungsweise sogar hypnotisch. Eine ebenso runde wie abwechslungsvolle Mischung, erzeugt mit einer regelrecht berauschenden Vielzahl an Klangerzeugern wie beispielsweise Harmonium, (Maul)Trommeln, Flöten, Akustik- Elektrik- und Bassgitarren, Geigen, Ziehharmonika, Leiern, Rasseln, Glöckchen, Stromorgel, Kontrabass etc. – ergänzend verstärkt von allerlei hochatmosphärischen Samples wie beispielsweise Tierstimmen oder sonstigen passenden Szenariengeräuschen. Keine Sekunde Langeweile ist die Folge. Angenehm eingängige Passagen wechseln sich mit entspannenden besinnlichen Momenten ab, und selbst inspirativ verstörende Stimmungsebenen werden von Sturmpercht mit großer Versiertheit und bisweilen überraschender Homogenität repräsentiert. Mehr und mehr verfällt der geneigte und aufmerksame Hörer diesem Kleinod daher unweigerlich bei entsprechender Hingabe – dass Platten wie dieser hier in pervertierten Zeiten wie diesen ein unschätzbarer Wert zukommt, ist eigentlich überflüssig zu erwähnen. Nach 78 (!) sehr unterhaltsamen Minuten ist eine Alpine Folk-Vorstellung vorbei, wie man sie in dieser Art garantiert noch niemals zuvor gehört hat.
Staunend machende urige Liedertitel wie beispielsweise „Wildschütz Jennerwein“, „Der Tanz des Tatzelwurms“, „Tannenwichtel“, „Der Wolpertinger“, „Irrwurz“ oder auch „Salamanderschnaps“ verdeutlichen die erdigen Ambitionen des Sextetts bestens. Durchgehend brillant überlegt getextet wird hier aber sowieso, wovon man sich zum Beispiel bei „Der Wolpertinger“ genussvoll überzeugen kann. Kulthafte Lyrik zum wonnigen Schwelgen! „Schattenlieder“ kommt in erfreulich schmucker Digipak-Edition daher, und, Potzblitz! – eine dermaßen liebevoll aufgemachte kartonierte Umhüllung hat man selbst als Liebhaber solcherlei Klangguts doch nur allzu selten in den Händen; allein das Frontbild verwöhnt naturverbundene Augenpaare nach Maß. Doch auch die außergewöhnlich feine 24seitige Begleitfibel, „Schattenlieberbuch“ tituliert und alle Liedertexte enthaltend, birgt höchst stimmungsvolle grafische Noblesse vom Allerfeinsten. Ein Totenkopfschwärmer (Acherontia atropos), also ein prächtiger Wanderfalter tropisch-afrikanischer Herkunft, ziert, auf verwitterter Holzbretterwand sitzend, die Vorderseite des zweifach geklammerten Heftchens. Seine Flugrouten dehnt Acherontia atropos mitunter bis nach Mittel- und Nordeuropa aus, eine echte Leistung – zum ausgedehnten Schwärmen komme auch ich bei den 20 Kompositionen auf „Schattenlieder“ eins ums andere Mal.
© Markus Eck
(20.02.2010)